Solvency II rewrites the rules for for insurers


Einführung

Solvency II - eine strategische und kulturelle Herausforderung
Solvency II wird kommen und den Versicherungsmarkt von Grund auf verändern. Voraussichtlich ab 2013 werden die Aufsichtsbehörden Risiken und die dafür notwendige Kapitalabdeckung bei der Bewertung der Solvenz umfassend berücksichtigen - was neben den Geschäftsmodellen auch Strategie, Organisation und Kultur der Versicherer in Deutschland und Europa nachhaltig beeinflussen wird.

In Deutschland besonders betroffen: Die Lebensversicherer, von denen nur ein Viertel eine ausreichende Solvenzquote besitzt und eine Minderheit die Kapitalkosten verdient. Die Studie „Solvency II - eine strategische und kulturelle Herausforderung" von Bain & Company und Towers Watson untersuchte auf Basis der aktuellen QIS5-Spezifikation und öffentlich zugänglichen Unternehmenskennzahlen

  • die jeweils 20 größten Versicherungsgruppen
  • in den vier größten europäischen Märkten.

Die zentrale Empfehlung:
Versicherungsunternehmen sollten nicht bis zur Verabschiedung des endgültigen Regelwerks warten, sondern bereits frühzeitig die nötigen strategischen Schritte zur Optimierung der Kapitalstruktur und einer möglichen Neuausrichtung des Geschäftsmodells einleiten. Mit Hilfe von acht in der Studie vorgestellten Ansätzen zur Risiko- und Kapitaloptimierung gelingt es den Unternehmen auch unter Solvency II langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

5 Mythen

Mythos 1: Ein-Sparten-Versicherer
Ein-Sparten-Versicherer sind nicht länger wettbewerbsfähig.

Die Wahrheit:
Trotz erheblichen Diversifikationsvorteils für Mehr-Sparten-Versicherer können spezialisierte Versicherungsunternehmen erfolgreich im Markt agieren – sofern sie über ausreichend Kapital verfügen oder es durch die verstärkte Nutzung von Rückversicherungen erhöhen.

Mythos 2: Lebensversicherungen
Nur öffentliche und genossenschaftliche Versicherer können sich noch Lebensversicherungen leisten.

Die Wahrheit:
Aktuell verdienen nur die wenigsten deutschen Lebensversicherer ihre Kapitalkosten. Sie werden diesen in Deutschland großen und attraktiven Markt jedoch nicht ohne weiteres den öffentlichen und genossenschaftlichen Versicherern überlassen, sondern alle Hebel zur Profitabilitätssteigerung nutzen und Garantien in ihren Produkten kapitalsparender abbilden.

Mythos 3: Kleine Versicherer
Nur öffentliche und genossenschaftliche Versicherer können sich noch Lebensversicherungen leisten.

Die Wahrheit:
Aktuell verdienen nur die wenigsten deutschen Lebensversicherer ihre Kapitalkosten. Sie werden diesen in Deutschland großen und attraktiven Markt jedoch nicht ohne weiteres den öffentlichen und genossenschaftlichen Versicherern überlassen, sondern alle Hebel zur Profitabilitätssteigerung nutzen und Garantien in ihren Produkten kapitalsparender abbilden.

Mythos 4: Lokale Versicherer
Lokale Versicherer werden durch Solvency II benachteiligt.

Die Wahrheit:
International tätige Versicherer profitieren nur dann von einem Diversifikationsvorteil, wenn ihre außereuropäischen Märkte ein ähnliches Risikoprofil aufweisen. Für risikoreichere Gebiete in den USA oder Japan ist dagegen mit höheren Kapitalforderungen zu rechnen.

Mythos 5: Europäische Versicherer
Nur europäische Versicherer sind von Solvency II betroffen.

Die Wahrheit:
Falsch: Das neue Regelwerk betrifft jedes Unternehmen, das in der EU tätig ist. In Europa ansässige Versicherer mit Präsenz in anderen Märkten müssen auch auf Holdingebene nach Solvency II kalkulieren. Um diesen Wettbewerbsnachteil zu beseitigen,müssen die Länder ihre Regulierungsvorschriften gegenseitig anerkennen.

Solvency II

Solvency II: Ein neues EU-weites Regelwerk für Versicherungen
Mit Solvency II entsteht für die Versicherungsbranche ein EU-weites Regelwerk, das ab 2013 mit einer mindestens zweijährigen Übergangsfrist gültig werden soll. In einer grundlegenden Reform des Versicherungsrechts werden dabei neue Eigenkapitalregeln für Versicherer definiert, die erstmals die Risiken umfassend berücksichtigen. Derzeit läuft die fünfte und letzte quantitative Auswirkungsstudie (QIS5), auf deren Basis die letzten Einzelheiten zu den Kapitalanforderungen festgelegt werden sollen.

Das Gerüst für Solvency II steht, doch viele Einzelfragen sind noch ungeklärt. Neben Tadel am komplexen Standardmodell für die Risikomessung stehen diverse Parameter mit systematischer Benachteiligung bestimmter Anlageklassen wie Immobilien in der Diskussion. Ebenfalls sehr kritisch bewertet: Die heftigen Schwankungen im Solvenzkapital durch Änderung der Zinskurve während der Testphase.

Zusatzinformationen

QIS5
QIS5 (Quantitative Impact Study 5) bezeichnet die fünfte offizielle Auswirkungsstudie der Europäischen Kommission zur Bestimmung der Solvenzkapitalanforderungen der Versicherer unter Solvency II vor der endgültigen Einführung des neuen Regelwerks. Überprüft und konkretisiert wurden

  • die Formeln zur Berechnung des Solvenzkapitals
  • die Anforderungen an das Risikomanagement der Versicherer
  • die Berechnungsvorgaben für die versicherungstechnischen Rückstellungen
  • die Anwendbarkeit der Berechnungsformeln
  • die zu erstellenden Berichte an die Aufsichtsbehörden und an die Öffentlichkeit

Drei Säulen
Solvency II verfolgt einen Drei-Säulen-Ansatz aus:

  • quantitativen Anforderungen, z.B. Mindestkapitalanforderung
  • qualitativen Anforderungen, z.B. an das Risikomanagement
  • Berichtspflichten

Bafin
www.bafin.de

Deutschland

Versicherer in Deutschland: Noch nicht bereit für SolvencyII?
Die meisten Versicherer beschäftigen sich bereits mit den konkreten Auswirkungen von Solvency II auf ihre Kapitalanlage – aber noch nicht mit den fundamentalen Veränderungen in Strategie, Geschäftsmodell, Organisation und Kultur, die das neue Regelwerk von ihnen fordern wird. Wie nachhaltig die Geschäftsmodelle der Versicherer sind und mit welchen Strategien sie ihre Kapitalstruktur optimieren können, zeigen Bain & Company und Towers Watson in der umfangreichen Studie „Solvency II: Eine kulturelle und strategische Herausforderung". Die Analysen basieren auf den aktuellen QIS5-Spezifikation für Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien und öffentlich zugänglichen Unternehmenskennzahlen.

Während Kranken- und Schaden-/ Unfallversicherer in Deutschland bei Anwendung der geplanten neuen EU-Regeln zumeist ausreichend kapitalisiert sind, erscheint die Lage bei einem Viertel der betrachteten Lebensversicherer angespannt: Die Studienergebnisse offenbaren erheblichen Handlungsbedarf in der Versicherungsbranche – und zwar vor Einführung des neuen Regelwerkes.

Ergebnisse

Mit Problemen: Die Lebensversicherer
Der deutsche Versicherungsmarkt zählt zu den größten in Europa. Allein die Zahl der Vorsorgeverträge übersteigt mit rund 94 Millionen die Zahl der Einwohner. Doch genau hier, bei den Lebensversicherern, offenbaren sich zum Teil erhebliche Schwächen: Jedes vierte Unternehmen hat der Studie zufolge eine Solvenzquote von unter 100 Prozent. Auch die risikoadjustierte Profitabilität ist in dieser Sparte vielfach negativ: Die Unternehmen verdienen ihre Kapitalkosten nicht.

Zum Teil handelt es sich hier um (Happy) Underperformer, insbesondere Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, die keinem so starken Ertragsdruck ausgesetzt sind wie börsennotierte Wettbewerber. Solange keine externe Kapitalaufnahme notwendig ist, können diese Unternehmen gut mit ihren niedrigen Renditen leben. Die anderen Versicherungen müssen in den kommenden Jahren sämtliche Register ziehen, um ihre Ertragskraft zu steigern und gleichzeitig das Solvenzkapital zu stärken.

Gelassen: Die Krankenversicherer
Die simulierten deutschen Krankenversicherer sind auf den ersten Blick ausreichend kapitalisiert, kein Anbieter operiert mit einer Solvenzquote von weniger als 100 Prozent. Dieses gute Ergebnis beruht im Wesentlichen darauf, dass die Möglichkeit der laufenden Beitragsanpassung Krankenversicherer unter Solvency II besser stellt. Der Produktmix, die Struktur der Kapitalanlagen und die Verfügbarkeit freier Mittel spielen deshalb bei den Krankenversicherern unter QIS5 nur eine untergeordnete Rolle.

Entspannt: Die Schaden- und Unfallversicherer
Auch hier: Kein einziger der untersuchten deutschen Versicherer hat Solvenzquoten von weniger als 100 Prozent. Die deutschen Versicherer profitieren von ihren vorsichtigen versicherungstechnischen Rückstellungen in der HGB-Bilanz.

Europa

Versicherer in Europa: Auch hier ist noch viel zu tun
Bain & Company analysierte gemeinsam mit Towers Watson in den vergangenen Monaten die Auswirkungen von Solvency II auf die wichtigsten Versicherer in den vier großen EU-Märkten auf Basis der QIS5-Spezifikation. Die Simulation offenbart insbesondere bei deutschen und britischen Lebensversicherern sowie bei italienischen Sachversicherern zum Teil erhebliche Schwächen bei der Solvenzquote; viele Unternehmen operieren darüber hinaus in einzelnen Sparten mit einer schwachen oder negativen risikoadjustierten Profitabilität (RARoRAC).

Ergebnisse

Glückliches Frankreich?
In Frankreich herrscht nur auf den ersten Blick Entspannung, auch wenn die Lage der französischen Versicherer in der Simulation vergleichsweise komfortabel ist. In der Lebensversicherung profitieren die Unternehmen von den im europäischen Vergleich kürzeren Laufzeiten und niedrigeren Garantieleistungen selbst bei kapitalbildenden Produkten - beides schont das Solvenzkapital. Aber in der Schaden-/Unfallversicherung kämpfen auch französische Häuser mit zum Teil unbefriedigenden Renditen in der Haftpflichtversicherung. Je nach Produktmix führt das dazu, dass kleinere Häuser in den kommenden Jahren Eigenmittel zuführen müssen.

Schwächen in Großbritannien
Die Solvenzquoten der britischen Lebensversicherer sind kritisch: 21 Prozent der britischen Unternehmen haben laut Simulation eine Solvenzquote von weniger als 100 Prozent. Die wesentliche Ursache für dieses im europäischen Vergleich schwache Ergebnis ist der hohe Anteil von Rentenversicherungen mit langen Laufzeiten. Zudem sind die Laufzeiten selbst bei kapitalbildenden Produkten in Frankreich und Italien im Durchschnitt deutlich kürzer und die Garantien geringer.

Alarmstufe Rot in Italien
Die Hälfte der italienischen Sachversicherer weist in der Simulation eine Solvenzquote von unter 100 Prozent aus. Der Grund ist der ungünstige Produktmix: In Italien ist der Anteil der Kfz-Versicherungen in dieser Sparte mit rund 50 Prozent erheblich größer als in den anderen europäischen Märkten. Gleichzeitig liegt die Gesamtkostenquote in diesem hart umkämpften Versicherungszweig bei nahezu 110 Prozent der Prämien. Während Anbieter in anderen Ländern diese Schwäche zum Teil durch Kapitalerträge ausgleichen können, gelingt das den italienischen Schaden- und Unfallversicherern vielfach nicht; die Versicherer zwischen Mailand und Palermo waren schon unter Solvency I vergleichsweise schwach kapitalisiert.

Stellhebel

Zeit zu handeln. Wie Versicherer ihre Kapital- und Risikostruktur optimieren
Unter Solvency II berücksichtigen die Aufsichtsbehörden erstmals umfassend Risiken und die dafür notwendige Kapitalanforderung bei der Bewertung der Solvenz. Zahlreiche Fragestellungen zu den strategischen Implikationen ergeben sich daraus: Wie wird sich die Attraktivität von Produkten und Märkten in Europa verändern? Wer werden die Gewinner und Verlierer unter Solvency II sein? Welche strategischen Handlungsfelder müssen mit Priorität angegangen werden, um sich bei der Einführung von Solvency II vom Wettbewerb abzusetzen? Zu einer effizienten Neuausrichtung haben Bain & Company und Towers Watson acht Stellhebel identifiziert, um das Solvenzkapital zu entlasten und die risikoadjustierte Ertragskraft zu stärken. Je nach Ausgangslage sind diese Hebel unterschiedlich wichtig.

Stellhebel

Hebel 1: Produktportfolio optimieren
Vor allem Lebensversicherer mit überwiegend traditionellen Kapital- und Rentenprodukten müssen Garantien kapitalschonender gestalten, fondsgebundene Varianten der Lebensversicherung entwickeln und daran ihren Vertrieb entsprechend ausrichten.

Hebel 2: Preispolitik überarbeiten
Unternehmen erhalten mit risikoadäquaten Preisen eine angemessene Prämie auf ihr gebundenes Kapital. Es ist notwendig, unternehmensweit für jedes einzelne Risiko Durchschnittspreise und Preisspielräume festzulegen und durchzusetzen.

Hebel 3: Kundenloyalität stärken
Zufriedene Kunden senken nicht nur nachhaltig die Vertriebskosten. Mit Verweis auf die niedrige Volatilität der Stornoquoten kann ein Versicherer unter Solvency II auch entsprechende Kapitalentlastungen geltend machen.

Hebel 4: Schaden- und Verwaltungskosten senken
Versicherer dürfen nicht darauf warten, dass unter Solvency II das verfügbare und das erforderliche Kapital reduziert werden. Zusätzliche Maßnahmen sind bereits jetzt nötig, wie z.B. der Aufbau von Werkstattnetzen zur kostengünstigen Schadenregulierung oder die Verbesserung des Betrugsmanagements durch systematischen IT-Einsatz.

Hebel 5: Kapitalanlagestruktur optimieren
Durch das Missverhältnis der Laufzeiten von Aktiva und Passiva mit Lücken von zum Teil mehr als drei Jahren wird die Solvenzquote vieler deutscher Lebensversicherer nachhaltig belastet. Sie müssen deshalb je nach Ausgangslage die Duration der Aktiva erhöhen.

Hebel 6: Rückversicherer einbinden
Da sie die Kapitalstruktur entlasten und die Profitabilität stabilisieren, werden Rückversicherer eine stärkere Rolle spielen. Die Versicherungen müssen deshalb 2011 und 2012 kapitaloptimierende Rückversicherungsprogramme identifizieren.

Hebel 7: Rechtsträger fusionieren
Um ihren erheblichen Diversifikationsvorteil voll zu realisieren, müssen Sachversicherer mit Geschäft in mehreren Produktlinien dieses unter dem Dach eines Rechtsträgers schreiben. Dazu ist die Fusion von Einzelunternehmen und Beständen nötig.

Hebel 8: Portfolio bereinigen
Externe Faktoren wie Zinsentwicklung oder Katastrophenschäden dürfen künftig das Geschäftsmodell nicht gefährden. Dazu muss jeder Versicherer sein gesamtes Leistungsspektrum auf den Prüfstand stellen: Welche Sparten werden weiter eigenständig betrieben und welche sollte man von anderen Versicherern beziehen? Welche Sparten werden in den Run-off geschickt, mit anderen Versicherern getauscht, verkauft oder zu 100 Prozent rückversichert?